Wider das Vergessen.

 

Bilder von traurigen Kinderaugen, oder das Foto eines toten Kleinkindes an einer türkischen Küste. Menschen auf der Flucht dringen dann in unser Bewusstsein, wenn sie den Medien eine Schlagzeile wert sind. Noch lieber scheint ihnen die Eskalation. Flüchtlinge, die ihr eigenes Camp anzünden. Wie im September 2016, als es im Lager Moria auf der Insel Lesbos zu Unruhen kam, Feuer gelegt wurde und fast ein Drittel des Camps niederbrannte.

 

Moria ist nicht einfach ein Camp. Vor Jahren war es ein Gefängnis. 2015 wurde die Anlage zum Registrierungslager für ankommende Flüchtlinge umfunktioniert, angelegt auf eine Maximalkapazität von 1’200 Menschen. Hier konnten sich Asylsuchende und Migranten registrieren lassen. Nach dem so genannten EU-Deal mit der Türkei im März 2016, wurde die Anlage noch hermetischer abgesichert,  dreifach vergittert und mit messerscharfem Stacheldraht versehen: Ein Internierungslager.

 

Zur Zeit jener Krawalle sollen laut den damaligen Medienberichten an die 5’000 Menschen hinter diesen Zäunen in Wohn-Containern und in Zelten gelebt haben. Nicht 1'000, nicht 2'000, sondern 5'000 Menschen. Gelebt? Zusammengepfercht. Familien. Männer, Frauen und Kinder.  Und unbegleitete Minderjährige. Aus verschiedenen Nationen. Menschenrechtsgruppen, Freiwillige Helfer und Flüchtlinge hatten zuvor immer wieder auf die prekären Zustände in Moria aufmerksam gemacht, nur hat das in der Medienwelt kaum jemanden interessiert. Erst die Krawalle, das Feuer und die Fotos lieferten einen Grund, darüber zu berichten.

 

Was das bewirken kann, hörte ich zu der Zeit in einem Bus in Zürich: «Da sieht man doch, dass die nicht ganz dicht sind». Hinter mir sitzen zwei Frauen. Die eine mit dem Gratisheftchen 20Minuten in der Hand: «Da wären sie ja jetzt in Sicherheit. Aber nein, sie haben nichts anderes im Kopf als zu randalieren und die eigenen Zelte anzuzünden.» Ich stand auf, um diesem Gespräch nicht weiter folgen zu müssen.  «Die sollte man doch einfach...», hörte ich aber noch beim Weggehen.

 

Das ist, was bei vielen Menschen hängenbleibt, die nur informiert werden, wenn es zu einer Eskalation kommt. Was es bedeutet, auf engstem Raum in unhaltbaren Zuständen ausharren zu müssen, ohne zu wissen, wie es mit dem Leben weitergeht, das vermitteln die Massenmedien leider kaum.

 

Gleiches geschah Monate zuvor im Hafen von Piräus. An die 4'000 Flüchtlinge hatten hier monatelang in den Warte- und Lagerhallen in Zelten und Verschlägen gelebt. Die griechische Regierung wollte das Camp auflösen damit der Hafen für die Touristen wieder frei werde. Die Schutzsuchenden sollten auf Camps auf dem Festland verteilt werden. Viele Flüchtlinge wollten die Umsiedlung verweigern. Ihre Angst war es, dass man sie abschiebt, verteilt und dann vergisst. Und genau dies geschieht. Regelmässig, bis zur nächsten Eskalation kommt.

 

Auf der Insel Lesbos sitzen seit Monaten 6’000 Frauen, Kinder und Männer fest. 4'500 allein im Gefängnis Moria. Etwa Tausend im Camp Kara Tepe und weitere 500, vor allem Ältere, Kranke oder speziell Verletzliche, wie zum Beispiel unbegleitete Minderjährige, in Privathäusern in der Hafenstadt Mytilini.

 

Diese Menschen sind verzweifelt, traumatisiert, nicht nur vom Umstand, dass sie ihre Heimat verlassen mussten, dass sie dem Krieg entkommen sind, dass sie eine erschöpfende und gefährliche Reise hinter sich haben, sondern auch vom zermürbendem Warten und Nichtstun.

 

«Sie sind hungrig», sagt unser Fieldmanager Aris Vlachopoulos. Nicht nur, weil das Essen nicht gut ist, weil sie kaum Früchte oder Gemüse bekommen. Diesen Menschen war versprochen worden, dass zusätzliche EU-Beamte zur schnellen Abklärung ihrer Asylanträge aufgeboten würden. Es ist nicht geschehen. Ein unendlich, langer und zermürbender bürokratischer Prozess – ohne Perspektive. Diese Menschen sind hungrig auf Antworten auf ihre Anträge. Sie sind hungrig auf ein normales Leben. Der Zugang zu ganz grundsätzlichen Bedürfnissen wie Arbeit, Ausbildung, Erziehung, Bewegungsfreiheit ist diesen Menschen verwehrt. Das verletzt ihre Grundrechte.

 

Diese Menschen sollten weiterreisen können, nach Schweden, England, Deutschland oder Frankreich, dorthin, wo sie möchten, dorthin, wo Familienmitglieder auf sie warten, sagt Aris Vlachopoulos: «Sie müssen ihr Leben zurückhaben, ihre Würde. Sie brauchen psychologische, rechtliche und materielle Unterstützung. Ein Dach über den Kopf. Anständige Kleider. Arbeit. Die Kinder müssten in die Schule gehen können. Sie müssten raus können, spielen!» ­– Hier werden Menschenrechte verletzt und es ist kaum ein Thema.

 

Bis März 2016 waren laut Aris Vlachopoulos an die 80 Hilfswerke aus der ganzen Welt auf der Insel tätig. Weiter etwa 2500 Aktivistinnen und Volontäre. Nach dem «Handel» zwischen der EU und der Türkei – wohl eher Absichtserklärung, weil nach wie vor nicht umgesetzt – zogen die meisten Hilfswerke ab. Heute sind nur noch zwanzig NGO und etwa 200 Volontäre aktiv. Helferinnen und Helfer, die ausharren, weil sie die Flüchtlinge nicht ihrem Schicksal überlassen wollen. Weil sie versuchen möchten, hier wenigsten einen kleinen Unterschied zu machen, einen menschlichen Unterschied.

 

Nicht zu vergessen ist, dass viele Einheimische, die selber unter den miserablen wirtschaftlichen Bedingungen in Griechenland leiden, den Flüchtlingen gegenüber immer noch offen und freundlich gesinnt sind, selber helfen, wo sie können, obwohl sie manchmal an den Umständen schier verzweifeln. Lesbos ist, war, eine Ferieninsel. Die grossen Reiseveranstalter haben die Destination aus ihren Angeboten gestrichen. Die Touristen bleiben weg.  Die Betten und Tische leer. Siebzig Prozent weniger Feriengäste muss die Insel verzeichnen. Viele Kleingewerbe sind nahe am Zusammenbruch.

 

In einem kleinen Café in Mytilini sagte mir die Wirtin: «Weisst du, wenn die Menschen sagen, sie könnten hier nicht mehr Ferien machen, sie könnten nicht baden, wissend, dass hier Menschen ertrunken sind, sage ich ihnen, dass sie dann nirgends mehr auf dieser Welt baden könnten. Denn das Wasser verdampft auch hier vom Meer, steigt hoch und fällt irgendwann zurück. Auf jeden Menschen. Und jetzt im Winter kann man wunderbare Wanderungen machen – und vielleicht auch anpacken, hier oder dort?», sagt es mit einem herben Lachen und stellt das Weinglas resolut auf mein Tischchen und kehrt hinter ihre Theke zurück und ruft: «Aktivferien! Warum nicht? Das ist gesünder als ein schlechtes Gewissen.»

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