Wenn Männer weinen.

 

Das waren die heftigsten Momente, die Raquel Herzog erlebt hatte. Es passierte nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer wieder: Wenn eine Familie gerettet werden konnte. Menschen, zusammengepfercht, auf einem halbwegs meerestauglichen Gummiboot. Wenn ein Vater realisierte, dass Frau und Kinder in Sicherheit waren und der Druck augenblicklich von ihm abfiel und er in ein erschütterndes Schluchzen ausbrach.  «Das geht dir durch Mark und Bein. Das ist nicht Spiel, das ist nicht Film, da brüllt das verzweifelte Leben!», sagt Raquel Herzog, die Mit-Begründerin von SAO.

 

Ein paar Monate vor diesen ersten Seerettungen an den Küsten der Ägais-Insel Lesvos war es etwas Anderes gewesen, das Raquel Herzog durch Mark und Bein gegangen war. Das Bild des kleinen Jungen Alan, das sich im Herbst 2015 Hunderttausendfach in die Herzen von Menschen weltweit gebrannt hatte. «Wenn ich zurückblicke, ist dieses Bild der Funke gewesen, der dieses Feuer angezündet hat, das viele von uns freiwilligen HelferInnen in Bewegung gebracht hat», sagt Raquel Herzog. Der kleine Bub, gerade mal drei Jahre alt, tot, mit dem Gesicht im nassen Sand, Alan Kurdi habe ein Vermächtnis der Liebe hinterlassen, tatkräftiger Liebe.

 

Raquel Herzog, selbst Mutter zweier erwachsener Kinder, vernetzte sich sofort über Social Media mit anderen freiwilligen HelferInnen, die bereits vor Ort tätig waren. Sie verpflichtete sich für einen fünftägigen Einsatz auf Lesvos. Bevor sie aber das Flugzeug nach Athen bestieg, drückte ihr eine Bekannte ein Couvert mit Geld in die Hand. «Das ist für Aris. Bring das Aris Vlachopoulos». Das war Dezember 2015.  Es blieb nicht beim fünftägigen Einsatz. Das Zusammentreffen von Raquel Herzog mit dem unabhängigen Freiwilligen Griechen Aris Vlachopoulos wurde der Beginn einer guten Freundschaft und das Fundament der Nichtregierungsorganisation SAO.

 

Aris Vlachopoulos, ein Berufssegler, der lange als Shipping Broker in Singapur gearbeitet hatte. Aris kehrte auf die Insel seiner Mutter zurück, dahin, wo er in seiner Kindheit manche Sommerferien verbracht hatte. 2014, nachdem die ersten Flüchtlingsboote auf der Insel ankamen, zog er unter sein bisheriges Berufsleben einen Schlussstrich und konzentrierte sich nur noch auf diese Menschen auf ihrer Flucht, anfangs vor allem auf die Rettung in Seenot. Hand in Hand mit anderen Organisationen, allem voran mit United Rescues Aid, wurde ein Netzwerk, aufgebaut, Netze geknüpft mit Flüchtlingen, Küstenwache, Übersetzerinnen und Rettungsorganisationen. Ein Wetterdienst wurde aufgebaut, der später zu einer Wetterwebseite wurde, die für Flüchtende überlebenswichtige Wetterdaten aufbereitet. Kein Mensch sollte mehr in der Ägais ertrinken! SAVE!

 

Zusammen mit Nefeli Gazis vom Project Human und Elena Moustaka von „Better days for Moria“ (heute „together for better days“) wurde die Idee Attika geboren, ein Warenverteillager für alles, was Menschen brauchen, die alles verloren haben. Aris Vlachopoulos realisierte schnell, dass es eine intelligentere Logistik braucht, wenn Hunderttausende von Menschen aus ganz Europa Tonnen von verschiedenstem Material für Geflüchtete spenden. Attika ist heute das wichtigste öffentliche Warenlager in ganz Griechenland, welches Zelte, Matten, Isolierdecken, Baby-Schoppen, Schuhe, Kleider und Hygienemittel sammelt, neu ordnet und sie je nach den Bedürfnissen der Menschen in den verschiedenen Camps, Lager, oder Wohnungen verteilen kann. Mitte 2016 ging Attika ganz in die Hände von SAO über. ASSIST!

 

Raquel Herzog, die jahrelang grosse Opern auf ihren Tourneen begleitet hatte und zuständig für alles war, das die Solisten oder den Dirigentin betraf, ist eine Kapazität im Organisieren. Sie ist quasi Flexibilität und Feuerlöscherin auf zwei Beinen. Zusammen mit Aris gründete sie SAO und organisierte den SAO-Van für Personen- und Warentransporte. Der sonnengelbe Wagen mit dem SAO-Signet ist heute auf der ganzen Insel bekannt.

 

Auch wichtiger Teil des Fundaments von SAO ist Renata Blazek, eine junge Tschechin, die praktisch seit der Ankunft der ersten Menschen, die erschöpft Griechenland erreicht hatten, unermüdlich im Einsatz ist. Es begann mit Rettungen am Strand, dann leitete sie drei Monate ein Warenlager auf Lesbos. Anschliessend führte sie fast ein halbes Jahr auf dem Festland das so genannte stonehouse, in dem ca. 1'300 der 4'000 Flüchtlinge im Hafen von Piräus Platz fanden. Was Renata Blazek während dieser Zeit erlebt, erfahren und geleistet hat, ist wohl fast nur mit dem zu vergleichen, was Flüchtlingen passiert. Sie lebte und arbeitete Tag und Nacht mit den Flüchtlingen. Schlief bei ihnen, damit sie bereit war, sollte ein Transport ins Spital nötig werden. Sie setzte sich für diese Menschen ein, versuchte Ärztinnen zu erreichen, wenn sie nötig waren, oder organisierte zusammen mit anderen Freiwilligen, Flüchtlingen und Einheimischen eine neue Essensausgabe, als gesunde Ergänzung zu den mangelhaften Essenslieferungen der Griechischen Marine.

 

Ende August 2016 wurde das stonehouse von der Griechischen Regierung geschlossen und die Flüchtlinge auf verschiedene Camps auf dem Festland verteilt. Nach einem kurzen Besuch in ihrer Heimat kehrte Renata Blazek zurück nach Lesbos und ist seither wichtige und unersetzbare Projektleiterin von SAO auf der Insel.

 

OUTREACH!

 

Raquel Herzog, Renata Blazek und Aris Vlachopoulos stellten im Verlaufe ihrer Arbeit fest, dass es vor allem für die Frauen unter den Geflüchteten kaum die nötige Hilfe gibt. Die Frauen halten die Familien zusammen, sie schauen zu den Kindern, aber Hilfe, die auf sie zugeschnitten ist, existiert kaum. Angefangen bei den ganz fundamentalen Bedürfnissen, sich einigermassen diskret und in Sicherheit zu waschen, während der Menstruation saubere Binden zu bekommen, bis hin zu dem ständigen Druck, ihren Kindern trotz allem Mutter zu sein. Die abgestammten Strukturen einer Grossfamilie sind weggefallen. Diese Frauen sind auf sich alleine gestellt und oft so auch Übergriffen ausgesetzt. Hinzu kommen die jungen Frauen, die wegen des Krieges ihr Studium abbrechen mussten und irgendwo in diesem Niemandsland namens Irrsinn gestrandet sind.

 

Es wurde klar, dass diese Arbeit nicht mehr alleine zu bewältigen war: Aufrufe für Spenden, Informationen über die prekäre Situation, in denen noch Tausende von Menschen auf den Inseln betroffen sind, Kleider sortieren, Transporte von Menschen und Waren und das Bewusstsein, dass vor allem auch für die Frauen mehr und Spezifisches getan werden muss! Raquel Herzog trommelte in der Schweiz Frauen zusammen. Christine Loriol, Nic Kleiber, Marina Villa, Simone Inversini, Ursula Hess und Charlotte Heer Grau kamen dazu. Gemeinsam sind wir das Rückgrat für diese unglaubliche, tägliche Arbeit, die Renata und Aris mit vielen weiteren namenlosen und doch unentbehrlichen HelferInnen auf Lesbos leisten. – Wir wollen aufrütteln, vernetzen, sammeln und informieren. Wir wollen gleichzeitig, dass unsere Arbeit hier in der Schweiz so schnell wie möglich beendet werden kann, weil die Menschen nicht mehr flüchten müssen. Das ist kein Wunschtraum. Das ist irgendwann Realität. Aber wir wissen auch, dass dies weder morgen noch übermorgen der Fall sein wird. Nur: Diese Menschen sind da und brauchen unser waches Bewusstsein und unseren Willen, etwas dagegen zu tun.

 

Das ist SAO.

 

«Gestern Eventmanagement – heute Flüchtlingshilfe» – Ein Porträt über Raquel Herzog im Migros Magazin, hier oniline lesen, oder zum ausdrucken.

 

 

 

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